E-Paper - 28. Januar 2015
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Zeitgeist

Von Lilian Fritze

Liebe Mütter

Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich mich bei einigen gleich wieder furchtbar unbeliebt machen werde, aber gewisse Erlebnisse muss ich einfach öffentlich verarbeiten, und auch die kleinen «Shitstürmchen», die dann gelegentlich über mich hinweg pusten, können das nicht verhindern. Also - ich bin ja bekennende Anhängerin eines in blau und gelb Tönen gehaltenen Möbelhauses. Ich liebe diesen Ort und werde meine Freizeit auch noch dort verbringen, wenn ich absolut rein gar nichts für meine Wohnung brauche - einfach weil es dort so schön ist. Kürzlich war ich also wieder in diesem wunderbaren Schwedenhaus, und pünktlich um 12.30 Uhr sass ich im Restaurant hinter dem obligaten Teller mit «Köttbullar». Grundsätzlich kann mich bei meinem Mittagessen rein gar nichts stören. Schreiende Kinder? Mir egal. Tobende Eltern? Noch egaler. Zankende Paare (Sie: «Schatz, säg doch jetzt au mal öpis! Findsch die Lampe ned au perfekt für üses Schlafzimmer?» Er: «Ich han die im FLY mit de integrierte Velochetti halt eifach schöner gfunde.» Sie: «Weisch Schatz, wenn mer so kei Ahnig hed wie du, sött mer eifach ruhig sii und sich füege!»)? Unterhaltsam, und manchmal besser als Kino. Aber auch an Einrichtungsfragen zerbrechende Beziehungen können meine Mittagspause nicht stören. Beeindruckt fragen Sie sich jetzt wahrscheinlich, was mich denn überhaupt beim «Köttbullar-Schmaus» irritieren kann. Ich will es Ihnen verraten: BRÜSTE! Genau ich habe hin und wieder Mühe zu verstehen, warum Mütter in gefüllten Restaurants ihre Spezial-Büstenhalter öffnen und der essenden Welt die Nahrungsquelle ihrer Babys demonstrieren müssen. Und an alle, die sich nun veranlasst fühlen, ihre Brüste, die Brüste ihrer Frauen oder allgemein, die Brüste der im vollen Restaurant stillenden Mutter verteidigen zu müssen: Nein - ich bin nicht überempfindlich, egoistisch, mütter- oder baby-feindlich und ich leide, soweit ich weiss, auch nicht unter den Folgen einer schwerwiegenden Schädigung, die mir während der Freudschen oralen Phase zugefügt wurde. Doch wenn ich esse, will ich vis à vis am Tisch kein «angedocktes» Baby sehen, und noch weniger will ich es saugen und schmatzen hören. Liebe (beleidigte) Mütter, nehmt es mir nicht übel. Ich kann mir gut vorstellen, dass Stillen etwas ganz Tolles ist, und sollte es mal soweit sein, dann werde auch ich mein Brustgewebe opfern und stillen, aber bitte, bitte haltet eure Brüste nicht in fremde Teller und versucht doch zu verstehen, dass ihr die einzigen seid, die vor Wonne zergehen, wenn eure Kleinen satt und glücklich über eure Schulter rülpsen oder die Hälfte der Muttermilch wieder quer über den Tisch spucken. Und weil ich gerade dabei bin, gut gemeinte Tipps zu verteilen, um das Zusammenleben zwischen Müttern und allen anderen zu vereinfachen - zieht es doch mal in Erwägung (natürlich nur, wenn es möglich ist), euren Nachwuchs bei einer fürsorglichen Verwandten oder Nachbarin abzugeben, bevor ihr euch mit vier anderen Müttern trefft, um auf Shopping-Tour zu gehen und dann wie eine Armee von Buggys, Zwillingskinderwagen und Dreirädern den städtischen Fussgänger-Verkehr lahm zu legen. Danke! Vielen Dank!

redaktion@zugerwoche.ch

Zuger Woche vom Mittwoch, 28. Januar 2015, Seite 3 (2006 Views)

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