E-Paper - 22. April 2015
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Zeitgeist

Von Lilian Fritze

Die Netten

Wer mag sie nicht die netten Mitbürger? Menschen, die lächeln und niemals gleichzeitig «Arschloch» denken. Jeder mag sie. Und natürlich versucht man sich genauso sympathisch und liebenswürdig zu geben. An guten Tagen gelingt das gut. Der übellaunige Buschauffeur wird mit einem strahlenden Lächeln begrüsst, obwohl er einem gerade wieder eine Minute zu früh vor der Nase hatte davonfahren wollen. Und dem Kellner, der zum zweiten Mal das falsche Essen bringt, versichert man verständnisvoll, dass das überhaupt kein Problem sei, und man jetzt eben Risotto statt Pizza essen würde. So läuft es an guten Tagen. Es gibt aber auch die normalen Tage. Tage, an denen man seine Mitmenschen nicht so nehmen kann, wie sie eben manchmal sind. Dann kann es schon vorkommen, dass man Gewaltfantasien entwickelt, wenn ein überengagierter Erziehungsberechtigter glaubt, seine Erziehungskompetenz im vollen Park demonstrieren zu müssen: «Silas, der Papa hat dir doch erklärt, weshalb deine Füsse nicht auf die Bank gehören. Das tut man nicht, weil da andere Leute auch noch sitzen wollen. Hättest du es denn gerne, wenn du dich auf eine dreckige Bank setzen müsstest?» Auf diesen Vortrag folgt dann ein anerkennungsheischender Blick ins Publikum à la: Hört, hört! Ich erziehe mein Kind! Bewundert mich und seid dankbar. Bessere Menschen sind vielleicht in der Lage, solche kleinen Erlebnisse gar nicht zu registrieren oder sich zumindest nicht darüber zu ärgern, es sogar noch toll zu finden, nach dem Motto: Der Vater sieht in seinem Kind keinen unmündigen Befehlsempfänger, sondern ein vernünftiges Wesen, dem man die kleinen Knigge-Kniffe erklären und vor-analysieren muss. Ich hingegen könnte regelmässig (je nach hormonellen Umständen) ausrasten. Es sind aber selbstverständlich nicht wieder nur die Eltern, die schwächsten der Gesellschaft, wie ich mir habe sagen lassen, die mich an schlechten Tagen in den Wahnsinn treiben. Es sind auch jene Menschen, die in der Lage sind, im Zug ein indisches Knoblauch-Curry zu verspeisen und zum Nachtisch einen knackig-spritzenden Apfel zu essen, bevor sie dann im Wiederkäuer-Modus einen Kaugummi bearbeiten. Ich könnte die Liste endlos fortführen, aber zu intensives Meckern soll ja bekanntlich unsympathisch wirken.

redaktion@zugerwoche.ch

Zuger Woche vom Mittwoch, 22. April 2015, Seite 24 (57 Views)

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