E-Paper - 24. April 2019
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Klug und mutig sollt ihr sein

Von Stephan Schleiss

Kürzlich ist mir ein Kinderbuchklassiker in die Hände gefallen: «Das fliegende Klassenzimmer» von Erich Kästner. Im Normalfall kennt meine Generation das Mundarthörspiel des genialen Hans Gmür noch besser. Doch zurück zum Buch.

Politik Das Buch «Das fliegende Klassenzimmer» beginnt mit zwei Vorworten und in einer für heutige Ohren sperrigen Sprache. Dass sich Sprache verändert, soll an dieser Stelle nicht beklagt werden, was natürlich nicht heisst, dass wir ihr nicht Sorge tragen müssen der Mundart wie der Schriftsprache notabene. Erich Kästner startet philosophisch. Er sinniert über das Kinderleben, das ganz und gar nicht immer fröhlich sein könne, so sehr man sich das auch wünschte. Kästner wäre nicht Kästner, erzählte er dazu nicht eine Geschichte. Nämlich jene von Jonathan Trotz, der als Vierjähriger von seinem Vater auf einem Schiff ausgesetzt wird, einen Platz bei der Familie des Kapitäns findet und eben trotz (!) aller Unbill des Lebens seinen Weg sucht und findet. Natürlich nicht ohne zwischendurch todunglücklich über sein Schicksal zu sein. Wer wäre das nicht?

Hart im Nehmen...

... müsst ihr sein, lässt Kästner seine junge Leserschaft wissen. Wie ein Boxer, der eins auf die Nase kriegt und wieder aufsteht. In der Fachsprache von heute würde man von Resilienz sprechen. Kästner gaukelt keine heile Welt vor, aber er stärkt den Glauben an die Fähigkeit, in dieser Welt als Mensch bestehen zu können. Denn das alleinige Bestehen reicht Kästner natürlich nicht. Seine Leser sollen als Menschen bestehen. Aber wie?

Mutig und klug sollt ihr sein ...

... lässt uns Kästner wissen: «Und jetzt schreibt euch hinter die Ohren, was ich jetzt sage: Mut ohne Klugheit ist Unfug; und Klugheit ohne Mut ist Quatsch! Die Weltgeschichte kennt viele Epochen, in denen dumme Leute mutig oder kluge Leute feige waren. Das war nicht richtig. Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: ein Fortschritt der Menscheit.» Erich Kästner wusste, von was er schrieb. Das Buch erschien 1933, also im gleichen Jahr, als die Nazis seine Bücher verboten. Ein Schweizer Verlag sprang später in die Bresche. Erich Kästner wird manchmal nachgesagt, er hätte wie ein Oberlehrer geschrieben. Es ging ihm tatsächlich immer um mehr als gute Geschichten. Zum Glück. Und glücklich die Schüler, die auch heute noch zu Philosophen zur Schule gehen dürfen.

www.stephan-schleiss.ch

Zuger Woche vom Mittwoch, 24. April 2019, Seite 10 (17 Views)

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